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I. Der Charakter: “Ein Mann wie Lessing”
An Lob für Lessing hat es nie gefehlt. Gleich nach seinem Tod schrieb
Herder: “ Kein neuerer Schriftsteller hat, dünkt mich, in Sachen
des Geschmacks und des feineren, gründlichen Urteils über literarische
Gegenstände auf Deutschland mehr gewirkt als Lessing”. Hettner
nannte Lessing 1850 sogar den “ Befreier der Deutschen”. Die
Liste solch preisender Charakterisierungen ließe sich leicht bis in die
Gegenwart fortsetzen.
Eckermann notierte 1825 Goethes Bemerkung: “ Ein Mann wie Lessing
täte uns Not. Denn wodurch ist dieser so groß wie durch seinen
Charakter, durch sein Festhalten! So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele,
aber wo ist ein solcher Charakter”. Klopfte er an die Tür, sagten
die Freunde: Lessing kommt. Unverkennbar war die Gebärde, unverkennbar der
Mann. Er bekundet sich in jedem Wort, das er schrieb, in jedem Gedanken, dem er
nachsann, in jeder Gestalt, die er schuf. Weiß ich nur, wer ich bin,
heißt es in Lessings Sprache und die Rechtfertigung seines Stils
lautet: Wie ich schreibe, will ich nun einmal schreiben! will ich nun einmal!
Verlange ich denn, daß ein andrer auch so schreiben soll?”
An Lessings eigenen Briefen und Zeugnissen seiner Freunde lässt sich
ablesen, daß er es mit sich selbst nicht immer leicht hatte und daß
er seiner Umwelt bisweilen Rätsel aufgab. Ein auffälliger Zug seines
Charakters ist eine nervöse Unruhe, eine rastlose Unzufriedenheit, die nach
Ortsveränderungen drängt. Lessings Unruhe zeigt sich schon im
Alltäglichen. Es wird überliefert, er habe im Theater nie vermocht,
einer ganzen Vorstellung seine Aufmerksamkeit zu widmen, ging ab und zu, sprach
mit Bekannten, oder hing seinen Gedanken nach. Seine Vorliebe für den
Aufenthalt in Kaffeehäusern und Weinkellern und seine Neigung zum
Glücksspiel erklären sich offenbar aus Ablenkungs- und
Kompensationsbedürfnissen.Die innere Unrast spiegelt sich auch in der Art
von Lessings geistiger Produktivität. Viele Zeugnisse sprechen von
Ablenkbarkeit und Ungeduld, von einem Mangel an Konsequenz in der
Durchführung begonnener Arbeiten. Nicolai berichtet bei Lessing von einer
Lust am Wiederspruch, in der sich sein brillianter Verstand selbst genoß
und seine Kräfte schulte. Dieser skeptische, spielerisch experimentierende
Diskussionsstil konnte schlichtere Gemüter leicht verwirren. Daß
Lessings Vorliebe für den Widerspruch nicht bloß ein dialektischer
Kunstgriff, nicht nur eine Stimulans des Denkens und Redens war, sondern
daß ihr eine gute Portion Lust am intelektuellen Streit, an der gezielten
Attacke und am Niederzwingen des Gegners wirksam war, das zeigen die
berühmten Kontroversen mit Gottsched, Gotthold, Lange, Klotz und
Götze. Lessings Polemik ist wendig, witzig und glanzvoll, aber sie
ist oft auch einseitig, ungerecht und persönlich verletzend.
Lessings Prosa ist körnig und elegant, gelenkig und gescheit,
volkstümlich und gelehrt, urdeutsch und weltläufig. Lessings Werk ist
Konfession, wie sein Leben. Er liefert eine Galerie von Selbstporträts, in
kräftigen Farben gemalt als Gestalten, die ihm gleichen, leicht und
spielerisch hingetupft, wie im Skizzenbuch zwischen den Zeilen beiläufig
eingestreut, in knappen Konturen sicher umrissen. Sie
“lessingieren” alle, sagt Friedrich Schlegel. “Seine
Stücke sind er selbst; seine Wesenheit, Form geworden.”, sagt
Hoffmannsthal.
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