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II. Lessings Leben
a) Kindheit, Jugend und Studienzeit (1729-1752)
Wie die meisten deutschen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts stammt
Lessing aus einem evangelischen Pfarrhaus. Der Vater, Johann Gottfried Lessing,
war 1734 zum Pastor primarius an der Hauptkirche St. Marien zu Kamenz in Sachsen
berufen worden. Kamenz ist eine Stadt von zweitausend bis dreitausend
Einwohnern. Seit langem die ärmste unter den sechs Städten der
Oberlausiz, die bei wechselnder Herrschaft schwere Verluste erlitten haben. Die
Stellung war ansehnlich, doch das Gehalt kärglich. Im Hause des Pastors
herrschten jahrzehntelang ökonomische Bedrängnisse, zumal sich im
Laufe der Jahre zwölf Kinder einstellten. Wie ein Dorfbub wächst der
Theologensohn mit dem frommen Namen Gotthold Ephraim in den schmalen,
hügeligen Gassen heran.Wein rankt am Pfarrhaus, daneben steht die gotische
Kirche, liegt der alte Friedhof. Der Geburtstag ist der 22. Januar 1729. Von
1737 bis 1741 besuchte Lessing die Lateinschule seiner Vaterstadt,
anschließend bis 1746 die Fürstenschule St. Afra zu Meißen,
für die der Vater beim Kurfürsten Friedrich August von Sachsen ein
Stipendium erwirkt hatte. In der Meißener Anstalt herrschte ein strenges
Regiment: wöchentlich 32 Stunden (davon 15 Latein), darüber hinaus 25
Stunden Gottesdienst, alle 2 Jahre gab es 14 Tage Ferien. Lessing war ein
hervorragendern Schüler. Im September 1746 bezog Lessing die
Universität Leipzig, um dort das von den Eltern gewünschte
Theologiestudium zu beginnen. Die akademischen Lehrer beeindruckten ihn wenig,
er wechselte von einem zum anderen und bedachte sie mit Spott. Lessing hatte
kurz nach seiner Ankunft in Leipzig mit schriftstellerischen Arbeiten begonnen.
Eine unwiderstehliche Neigung zog ihn zum Theater. Im Januar 1748 wurde das
dreiaktige Lustspiel “Der junge Gelehrte” aufgeführt. Diese
Umtriebe mußten die Eltern in höchste Unruhe versetzen: Der Freund
windiger Komödianten und der Verfasser von Bühnenstücken, die das
Gelächter des Pöbels zu erregen suchten, drohte die schöne
Hoffnung zu ruinieren, er werde einstmals wie sein Vater die Kanzel des Pastor
primarius ersteigen. Der Vater rief Lessing unter dem Vorwand seine Mutter
läge im Sterben nach Hause, wo er ein halbes Jahr verbringen mußte,
bevor man ihn wieder nach Leipzig gehen ließ. Die väterlichen
Mahnungen bewirken aber nicht viel. Er wandte sich nach Berlin, wo ihm Vetter
Mylius die Mitarbeit an Journalien vermitteln konnte. Für einen jungen
mittellosen Studenten mit literarischem Ehrgeiz waren die Aussichten im Berlin
des Jahres 1748 wenig günstig. Er schrieb Rezesionen, verfaßte
Übersetzungen und arbeitete an neuen Theaterstücken wie “Die
Juden” und “Der Freygeist”. Er ließ einen Gedichtband
unter dem Namen “Kleinigkeiten” erscheinen und gab zusammen mit
Mylius die Zeitschrift “Beyträge zur Historie und Aufnahme des
Theaters” heraus, von der allerdings nur die vier Stücke des
Jahrgangs 1750 erschienen sind. Im Laufe des Jahres 1751 übernahm er den
Rezesionsteil der “Berlinischen privilegierten Staats- und
Gelehrtenzeitung”, später auch deren monatlich erscheinende Beilage
“Das Neueste aus dem Reich des Witzes”. Durch seine Kritiken, etwa
durch Ramler und Sulzer, gelang es ihm Aufsehen zu erregen. Der
größte Teil der lyrischen Arbeiten Lessings stammt aus dieser
Periode.Lessing nahm die Mode der anakreontischen Dichtung auf, die in
den vierziger Jahren in Halle aufgenommen war, und tändelte ähnlich
wie Gleim und Uz mit den Motiven von Liebe, Wein und Tanz:
Töne, frohe Leier,
Töne Lust und Wein!
Töne, sanfte Leier,
Töne Liebe drein!
Die andere lyrische Gattung, in der sich Lessing versuchte, ist das
Epigramm. Auch hier ist in den Themen und in der Form die Anlehnung an
die antike Tradition deutlich erkennbar. Gelegentlich finden sich sogar kaum
variierte Nachahmungen wie im Falle von Lessings Sinngedicht “Auf den
Sextus”, das sich auf Material stützt:
Die, der ein Auge fehlt, die will sich Sextus
wählen?
Ein Auge fehlet ihr, ihm müssen beide fehlten.
Die kurze, zur Prägnanz nötigende und auf eine schlagende Pointe
angelegte Form des Epigramms hatte für Lessing offenbar besonderen Reiz.
Sie entsprach seiner zupackenden Intelligenz, seinem Talent zu
effektvoll-bündiger Formulierung und seiner Neigung zu schneidender Kritik.
Daraus erklärt sich , daß Lessing auch später noch, bis ans Ende
der siebziger Jahre, Epigramme schrieb und eine Theorie der Gattung
ausarbeitete, während er zu den anakreontischen Gedichten, die er schon
1751 gesammelt hatte drucken lassen, nicht mehr zurückkehrte. 1752 begab
sich Lessing auf Drängen seines Vaters nach Wittenberg, um seine Studien in
aller Form abzuschließen. Am 29. April wurde er zum Magister der
Philosophie promoviert. Vor allem aber benutzte Lessing diese Wittenberger Jahr
dazu, sich als kritischer Kopf in der gelehrten Welt benkannt und
gefürchtet zu machen. So ließ er z.B. an einen Hallischen Professor
durchblicken, daß er einen Verriß der soeben erschienen
Horaz-Übersetzung Samuel Gotthold Langes mit dem Nachweis zahlreicher
peinlicher Sprachschnitzer unter der Feder habe.
Wie gerne wünsche ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in
welchen ich glücklich gelebt habe (1754)
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