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b) Erster literarischer Ruhm (1753-1755)
Es gehört zu den ungewöhnlichen Zügen von Lessings Laufbahn
als Schriftsteller, daß er schon als 24jähriger eine Sammlung seiner
Schriften herausgab, die auf sechs Bände anwuchs: 1753 erschienen die
Gedichte und in einem zweiten Teil die “Briefe” literaturkritischen
Inhalts. Ein Jahr später folgte ein Band mit “Rettungen”, d.h.
historisch-kritischen Unternehmungen. Zu Beginn seiner “Rettungen des
Horaz” erläutert Lessing seine Motive:
Ich selbst kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die
Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu
untersuchen, unverdiente Flecken von ihnen abzuwischen, die falschen
Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz alles das im
moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen
Bildersaal anvertraut ist, physisch verrichtet.
Die letzten drei Teile der “Schrifften” enthalten die
dramatischen Arbeiten Lessings. Daneben stehen zahlreiche Übersetzungen,
die Herausgabe der Schriften des früh verstorbenen Freundes Mylius (1755)
und eine Theaterzeitschrift, die an die kurzlebigen “Beyträge”
von 1750 anknüpfen sollte. Die neue “Theatralische Bibliothek”
war von Lessing dazu bestimmt, im Lauf der Zeit auf unsystematische Weise
“eine kritische Geschichte des Theaters zu allen Zeiten und bei allen
Völkern” zu liefern. Aber auch dieses ehrgeizige Projekt brachte es
nur auf vier Bände, die zwischen 1754 und 1758 erschienen. Der
ungewöhnlichste literarische Plan dieser frühen Schaffensperiode
deutet sich in dem 1753 veröffentlichten Fragment “Samuel
Henzi” an. Hier unternimmt es Lessing, einen soeben durch Zeitungen
übermittelten Vorfall zum Stoff eines Trauerspiels zu machen. Seine
erstaunlich vielfältigen Aktivitäten auf dem Felde der Publizistik und
der Literatur machten Lessing rasch zu einer prominenten Figur im geistigen
Leben Deutschlands. Eine anregende Bekanntschaft und bald schon eine enge
persönliche Freundschaft verband Lessing mit dem jungen Schriftsteller und
Verleger Christoph Friedrich Nicolai und mit Moses Mendelssohn, einem Juden, der
sich als Autodidakt eine umfassende philosophische und literarische
Bildung angeeignet hatte. Im Umgang mit diesen Freunden fand Lessing die
Möglichkeit zu dem freien, anregenden, geistvollen Gespräch, dessen
seine bewegliche und nie befriedigte Intelligenz bedurfte.
c) Leipzig und Berlin (1755-1760)
Trotz des wachsenden literarischen und gelehrten Renomees fand sich
für Lessing kein Amt, das seinen Lebensunterhalte gesichert hätte. In
der Bemühung, sich von seinen dauernden ökonomischen
Bedrängnissen zu befreien, verfiel Lessing gelegentlich auf etwas
abenteuerliche Projekte. Dem besorgten Vater teilte er im April 1755 mit:
“ Man hat es mir seit einiger Zeit nahe gelegt, nach Moskau zu gehen,
wo, wie Sie aus Zeitungen gesehen haben, eine neue Universität angelegt
wird. Dieses könnte vielleicht am ersten geschehen.”
Gegen Ende des Jahres wandte sich Lessing wieder nach Leipzig. Er nahm den
früher gepflegten Umgang mit den Theaterleuten wieder auf und
beschäftigte sich intensiv mit Goldonis Komödien, von denen er einen
ganzen Band in bearbeiteter Fassung herausbringen wollte. Doch dieser Band wurde
nie fertiggestellt.
Eine unvorhergesehene Wendung ergab sich, als Lessing den reichen Leipziger
Kaufmann Christian Gottfried Winkler kennenlernte, der einen Begleiter für
eine Europareise suchte. Am 10.Mai 1756 brach man von Leipzig auf und begab sich
über Braunschweig und Wolfenbüttel nach Hamburg, wo Lessing Klopstock
und Konrad Ekhof, den berühmtesten Schauspieler der Zeit, kennenlernte.
Ende Juli trafen Lessing und Winkler in Amsterdam ein, wo sie vom Ausbruch des
Dritten Schlesischen Krieges überrascht wurden. Winkler mußte nach
Leipzig zurückkehren, alle Reisepläne waren im Nu zerstoben. Als
Lessing Ende August wieder in Leipzig eintraf, war die Stadt von
preußischen Truppen besetzt. Bald entwickelte sich eine lebhafte
Freundschaft mit dem preußischen Major Ewald von Kleist, der sich bereits
als Dichter einen Namen gemacht hatte. Seine Sympathien für die feindliche
Seite trugen Lessing Schwierigkeiten mit den Leipzigern ein, die
bekanntlicherweise auf Angreifer nicht gut zu sprechen waren. Die
Bemühungen der Freunde Gleim und Kleist, für den immer noch
unversorgten Lessing ein Amt als Schloßbibliothekar oder Sekretär zu
finden, blieben fruchtlos. So wandte sich dieser wieder den literarischen
Beschäftigungen zu, denen er sich durch seine Reise hatte entziehen wollen.
Das wichtigste litterarischen Dokument aus diesen Leipziger Monaten ist der
Briefwechsel mit den Berliner Freunden Mendelssohn und Nicolai, in denen es um
eine theoretische Bestimmung der Tragödie geht.
Im Mai 1758 kehrte Lessing nach Berlin zurück. Er blieb auch jetzt
ohne feste Beschäftigung und steckte deshalb in ewigen Geldverlegenheiten.
Seinen Lebensunterhalt suchte er durch vielseitige und rastlose literarische
Tätigkeit zu sichern. Zusammen mit Karl Wilhelm Ramler gab er die
“Sinngedichte” Logaus heraus, er ließ die
“Preußischen Kriegslieder” Gleims erscheinen und
übersetzte “Das Theater des Herrn Diderot”. Anfang 1760 widmete
sich Lessing der Arbeit an einer großen Abhandlung über Sophokles.
Schon für den Herbst des gleichen Jahres kündigte Lessing das
Erscheinen zweier Bände (von vier geplanten) an. Der Abdruck hatte bereits
begonnen, als Lessing die wichtige Arbeit wegen seiner Übersiedlung nach
Breslau abbrach. Die Fragmente wurden erst 1790, nach Lessings Tod,
veröffentlicht.Im Jahre 1759 erschien das einaktige Trauerspiel
“Philotas”. Sein Titelheld, ein in Gefangenschaft geratener junger
Prinz, begeht in todessüchtigem Enthusiasmus Selbstmord, um seinen Vater
bei einem Austausch der Gefangenen Zugeständnisse zu ersparen. Im gleichen
Jahr wie den “Philotas” ließ Lessing seine Prosafabeln mit
den dazugehörigen gattungstheoretischen Abhandlungen erscheinen,
außerdem zahlreiche Beiträge zu den “Briefen, die neueste
Literatur betreffend”.
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