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d) Breslau und wieder in Berlin (1760-1767)
Lessings Lage nahm eine übberraschende Wendung, als er sich im
November 1760 entschloß, beim preußischen General Tauentzien eine
Stelle als Sekretär anzunehmen. Offenbar wollte er sich dem hektischen
literarisch-journalistischen Betrieb entziehen und endlich einmal ohne
Geldsorgen leben. Erleichtert wurde seine Entscheidung dadurch, daß er
neben seinen Pflichten auch genügend Freizeit besaß. In dieser
frönte er der Spielleidenschaft und gab sein Geld mit vollen Händen
aus, allerdings nicht ohne seine Geschwister zu unterstützen.
Er kaufte sich eine große Bibliothek zusammen und ging fast jeden
Abend ins Theater. Offenbar wurde ihm schnell bewußt, daß dieses Amt
und die Lebensweise, die es mit sich brachte, nicht zu ihm paßten. Im Mai
kehrte Lessing nach Berlin zurück. Er erneuerte die alten Bekanntschaften
und nahm das Gelehrten- und Literatenleben wieder auf. Im Mai 1766 erschien
wieder eine größere Arbeit aus Lessings Feder, die
ästhetisch-archäologische Abhandlung “Laokoon”. Vom
Herbst des Jahres 1766 an orientierte sich Lessing ganz auf die Mitarbeit an dem
in Hamburg projektierten Nationaltheater. Er schloß die Arbeit an seinem
neuen Stück “Minna von Barnhelm” ab, das im Frühjahr des
folgenden Jahres im Rahmen einer zweibändigen Ausgabe seiner Lustspiele im
Druck erschien.
e) der Hamburger Dramaturg: Hamburg und das Nationaltheater
(1767-1770)
Die Höflichkeit ist keine Pflicht, und nicht höflich
sein, ist noch lange nicht grob sein. Hingegen zum
besten der mehrern freimütig sein, ist Pflicht; sogar
es mit Gefahr zu sein, darüber für ungesittet und
bös-
artig gehalten zu werden, ist Pflicht.
Wenn ich Kunstrichter wäre, wenn ich mich getrau-
te, das Kunstrichterschild aushängen zu können:
so
würde meine Tonart diese sein. Gelinde und schmei-
chelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung
zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Mei-
ster; abschreckend und positiv gegen den Stümper;
höhnisch gegen den Prahler, und so bitter als
mög-
lich gegen den Kabalenmacher.
Der Kunstrichter, der gegen alle nur einen Ton
hat, hätte besser gar keinen. Und besonders der,
der gegen alle nur höflich ist, ist im Grunde gegen
die er höflich sein sollte, grob.
(Briefe antiquarischem Inhalts)
Im 81. Literaturbrief hatte Lessing 1760 lapidar festgestellt: “
Wir haben kein Theater. Wir haben keine Schauspieler. Wir haben keine
Zuschauer”. Diesen Zustand zu ändern und aus dem Theater eine
Institution der nationalen Kultur zu machen, ist im 18. Jahrhundert immer
wieder versucht worden. Eine Gesellschaft Hamburger Kaufleute machte 1767 mit
der Eröffnung eines Nationaltheaters einen neuen Anlauf. Für das
ehrgeizige Hamburger Theaterprojekt von 1767 gewann man die Mitarbeit Lessings,
was die Aufmerksamkeit und die Hoffnungen der Öffentlichkeit
beträchtlich erhöhte.Er ist der Dramaturg, der hauseigene Kritiker des
Nationaltheaters, veröffentlicht seine Dramaturgie, Tageskritik mit
Zukunftsaspekten. Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so
langsamen oder wie es meinen rüstigern Freunden scheint, so faulen Arbeiter
macht, selbst das an mir nutzen zu wollen: Die Kritik. Schon gegen Ende des
Jahres 1767 war abzusehen, daß sich das Hamburger Nationaltheater
ökonomisch nicht halten würde. Seine “Dramaturgie” trug
Lessing beträchtlichen Ärger ein. Die Schauspieler protestierten gegen
eine kritische Bewertugn ihrer Leistungen, und Lessing enthielt sich daher vom
25. Stück an aller einschlägigen Kommentare. In der Tat war die
Vorstellung naiv gewesen, ein besoldeter Angehöriger des Theaters
könnte dessen Kritiker gewesen sein. Ostern 1769 stellte das
Nationaltheater nach nur zweijährigem Bestehen seine Aufführungen ein.
Auch das zweite Unternehmen, auf das Lessing sich in Hamburg mit großen
Hoffnungen eingelassen hatte, endete in einem Fiasko. Es handelte sich um die
Beteiligung an einer Druckerei und einem Verlag, von der der sich Lessing und
sein Partner Johann Joachim Bode ökonomische Vorteile für sich selber
und einen Aufschwung für die deutsche Literatur versprachen.
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